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Ego-Shooter sind mehr als nur brutale KillerspieleEgo-Shooter sind mehr als nur brutale Killerspiele

Auch 2011 bleibt der Ego-Shooter das wichtigste Spielgenre. Nach der Gewaltdebatte muss er zeigen, ob er eine kulturelle Berechtigung hat.

Als Diedrich Diederichsen und sein Umkreis Mitte der 80er die Subkultur ihrer Jahre so hellsichtig umrissen, kam auch ein neuer kultureller Kosmos zum Vorschein: Die Musik von Heaven 17 und Scritti Politti, von Hüsker Dü, die Idee des camp, französische Philosophie, das LSD – und immer wieder: der Zombiefilm.

Die Liebe zum Trash mit den Untoten war die subversive Albernheit der Post-Hippies. Vielleicht war sie kritisch gemeint, vielleicht bloß Unterhaltung. Das war egal – sie provozierte sogar noch den ewigen anderen, den Burgeois.

In einer (längst überfälligen) Bestandsaufnahme unserer heutigen Jahre gäbe es auch ein solches albernes und gleichzeitig kritisches Element: Es wäre der Ego-Shooter. Es gibt inzwischen eine große Altersgruppe, in der man kam einen denkenden Kopf findet, der nicht in „Half-Life“ gegen ein totalitäres Science-Fiction-Regime gekämpft hat.

Oder zum Soundtrack der Nine Inch Nails „Quake“ gespielt hat. Oder darüber nachgedacht hat, ob der „Duke“ aus dem Shooter „Duke Nuke Em“ nun ein rechter Macho oder dessen kluge Parodie ist.

Dass der Ego-Shooter jahrelang Gegenstand heftiger Kritik von Seiten des politischen Establishments war, hat ihm offenbar nicht geschadet. Der Online-Händler Amazon stellt eine eigene Rubrik „Ego-Shooter“ bereit – mit derzeit 650 Einträgen. Und auf der Kölner GamesCom, Europas größter Messe für Videospiele, wird ab heute wieder klar: Die wichtigsten, aufwendigsten und interessantesten neuen Spiele sind Ego-Shooter.

Ein Ego-Shooter ist mehr als ein Spiel

Daher wird es Zeit, die kulturelle Strahlkraft dieser Spielidee anzuerkennen – einer Idee, die sich seltsamerweise über ihre Perspektive definiert: Ich schaue in die Welt. Wer Ego-Shooter spielt, begibt sich in eine riskante psycho-soziale Simulation. Er rennt als einzelner durch ein feindseliges Außen, schaut geradeaus und klammert sich verzweifelt an etwas fest, das ausgerechnet eine Waffe ist.

Er karikiert das kapitalistische Einzelkämpfertum und verhöhnt den Drang des modernen Menschen, zu reisen und neue Welten kennenzulernen. Er steigt nur in unwirtliche Horrorwelten hinab. Ein Ego-Shooter ist mehr als ein Spiel – er ist eine philosophische Studie über die Art, wie wir uns in der Welt sehen. Das erklärt seinen Erfolg mit. 40 Jahre nach seinen Anfängen und fast 20 Jahre nach dem ersten Egoshooter, „Wolfenstein 3D“, ist das Genre zum führenden Typus Videospiel geworden. Und das Videospiel soll bekanntlich ein Massenvergnügen geworden sein. Anlässlich der Messe verkündete die Industrie, gestützt von der GfK, das 23 Millionen Deutsche Spieler seien. Knapp die Hälfte davon Frauen.

Ein Großteil dieses wirtschaftlich-sozialen Erfolgs gehört dem Prinzip Ego-Shooter. Das deutsche Spiel „Crysis2“ hat gerade den European Games Award gewonnen, in sechs Kategorien. Die absurd erfolgreiche „Call of Duty Modern Warfare“-Reihe verlegt in ihrem neuen Teil den Krieg nach New York, Paris und London, rückt dem Publikum also immer weiter auf die Pelle. Die dümmlichen Fantasien von der Macht eines einzelnen, die diesen Spielen innewohnen, wären Stoff für Diskussionen.

Aber auch der Enthusiasmus dieser Spiele, jede womöglich heile bürgerliche Welt zerstören zu wollen. Im günstigen Fall ist das dem Spiel eingeschrieben. Die „Fear“-Reihe hatte (bevor sie mit dem neuen, dritten Teil bedeutungslos wurde) eine mythische Mutterfigur als Herrin des brutalen Geschehens eingebaut, einen C. G. Jungschen Archetypus, der immer wieder in Traumvisionen erscheint.

Wo solch ein ausdrücklich verstörendes Element fehlt, wird doch die Dringlichkeit stets überbetont. Immer wieder geht es in die Endzeit, immer wieder muss der Spiele eine Art Mad Max werden. Etwa in dem neuen Actionspiel „Rage“. Oder in Sonys Großprojekt „Resistance 3“: „Kalte neue Welt“ heißt dieses Spiel in Anlehnung an Aldous Huxley.


Quelle: welt.de
BildQuelle: Electronicarts

18.08.2011 - 20:48 - rave-on-nature-one