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Gaddafis Niedergang gibt den Börsen AuftriebGaddafis Niedergang gibt den Börsen Auftrieb

Nach Wochen der Panik regiert an den Aktienmärkten wieder das Prinzip Hoffnung. Und das ausgerechnet dank Libyens Diktator Gaddafi.

Sentimentalitäten sind Börsianern unbekannt. Sie kaufen nicht einfach deshalb wieder Aktien, weil sich irgendwo auf der Welt etwas zum Guten wendet, das mit den Finanzmärkten selbst wenig zu tun hat. Insofern mutet es auf den ersten Blick seltsam an, wenn der Deutsche Aktienindex (Dax) als Reaktion auf das nahende Ende des libyschen Diktators Gaddafi einen kleinen Freudensprung macht. Um fast zwei Prozent legte er zeitweise zu.

Auch wenn er die Gewinne später größtenteils wieder abgab, hat sich die Lage zumindest etwas beruhigt. Zumal auch die Flucht in deutsche Staatsanleihen abebbte. Auf den zweiten Blick wird der Zusammenhang indes klarer. Denn parallel zum steigenden Dax fiel der Ölpreis deutlich. „Das sich abzeichnende Ende des Gaddafi-Regimes dürfte eine baldige Wiederaufnahme der libyschen Ölproduktion in die Wege leiten“, sagt Eugen Weinberg, Rohstoff-Experte der Commerzbank.

Dies könnte den Preis weiter drücken, was wiederum wie eine Art Konjunkturprogramm für die westlichen Industrieländer wirken dürfte. Vor dem Beginn der Kämpfe in dem Land im Februar wurden dort rund 1,6 Millionen Barrel Öl pro Tag gefördert.

Seit März ist die Produktion drastisch gesunken, liegt mittlerweile schätzungsweise nur noch bei etwa 60.000 Barrel pro Tag. Der Ausfall Libyens ließ folglich das Angebot auf dem Markt deutlich sinken – wobei die Menge nicht allein entscheidend war. Das libysche Rohöl gilt auch als besonders hochwertig.

Parallel zur nachlassenden Produktion in Libyen war daher der Ölpreis immer weiter gestiegen, schon im Februar kletterte er wieder über die Marke von 100 Dollar, zeitweise erreichte er sogar 120 Dollar. Ende Juni reagierten die Industrieländer darauf, indem sie ankündigten, ihre Notreserven verkaufen zu wollen. Das führte streckenweise zu einem Preisrückgang, zeigte aber gleichzeitig, wie belastend der hohe Preis inzwischen geworden war.

Nun folgte aber ein deutlicher Rückgang, zeitweise fiel der Preis für die Sorte Brent auf 105 Dollar. Und Eugen Weinberg ist optimistisch: „In den kommenden Tagen könnte der Ölpreis weiter in Richtung 100 Dollar je Barrel fallen.“

Wie lange es dauern wird, bis Libyen seine Produktion wieder voll aufnehmen kann, ist dabei zwar noch umstritten. Einige verweisen auf das Beispiel Irak. 2003 wurde dort innerhalb weniger Monate das Niveau der Produktion vor der Invasion der Amerikaner wieder erreicht. Andere glauben, dass es in Libyen etwas länger dauert.

Doch sicher ist: Von nun an steigt das Angebot auf dem Markt wieder, und das wirkt sich bereits jetzt aus. Der Preis sinkt. Genau dies könnte ein entscheidender Stimulus für die Wirtschaft sein „Das gibt den privaten Haushalten und den Unternehmen mehr Spielraum“, sagt Jürgen Michels, Volkswirt bei der Citigroup. „Vor allem in den USA kann ein niedrigerer Ölpreis die Kaufkraft deutlich stärken.“

Dies liegt daran, dass dort die Steuern auf Heizöl und Benzin wesentlich geringer sind als in Europa. Dadurch schlagen Preisveränderungen bei Rohöl viel stärker auf den Endpreis für die Kunden durch.

Sinkt der Benzinpreis in den USA nur um einen Cent, so haben die Amerikaner dadurch 1,4 Milliarden Dollar pro Jahr mehr im Geldbeutel, die sie dann für etwas anderes ausgeben können. „Ein niedrigerer Benzinpreis könnte zu keinem besseren Zeitpunkt kommen“, sagt David Kotok vom unabhängigen US-Finanzberater Cumberland. Doch nicht nur Konsumenten und Unternehmen blicken mit Erleichterung auf den sinkenden Ölpreis.

Auch die US-Notenbank (Fed) wird dadurch von einigen Sorgen befreit. Denn die Energiepreise sorgten zuletzt für einen deutlichen Preisschub. Im Juli lag die Inflationsrate bei 3,6 Prozent, die Benzinpreise stiegen dabei jedoch sogar um 4,7 Prozent. Wenn sich dieser Trend nun jedoch umkehrt, ergeben sich für die Fed neue Möglichkeiten. Vor allem könnte sie dann eher an eine Wiederaufnahme des Aufkaufs von Staatsanleihen denken.

Das letzte derartige Programm, das de facto mit dem Drucken von Geld gleichzusetzen ist, war Ende Juni ausgelaufen. Seither waren vor allem steigende Inflationsraten als Argument gegen ein weiteres Programm, das dann das dritte seiner Art wäre, ins Feld geführt worden. Vor dem Hintergrund zurückgehender Preissteigerungsraten hätte es Notenbankchef Ben Bernanke deutlich leichter, die Notenpresse wieder anzuwerfen.

Einige Finanzmarktakteure spekulieren sogar darauf, dass er dies schon Ende dieser Woche verkünden wird. Dann findet in dem Städtchen Jackson Hole im US-Bundesstaat Kansas die alljährliche Notenbank-Konferenz statt. Am Freitag wird Bernanke dort eine Rede halten, auf die alle mit Spannung warten. Immerhin hatte er im vergangenen Jahr genau an diesem Ort das damalige Aufkaufprogramm für Staatsanleihen angekündigt. Würde er dies nun tatsächlich wieder tun, dürfte dies zu steigenden Kursen an den Aktienmärkten führen.

Die Europäische Zentralbank wiederum hätte ebenfalls mehr Spielraum, wenn sich die Preissteigerung durch sinkende Ölpreise abschwächen würde. Sie hatte in den vergangenen Monaten den Leitzins mehrmals angehoben, als Reaktion auf die relativ hohen Inflationsraten. Bis vor kurzem wurden sogar weitere Erhöhungen erwartet.

Damit rechnet inzwischen niemand mehr, nachdem klar geworden ist, wie schlecht es um die Konjunktur steht. Zinssenkungen wären allerdings auch nicht zu erwarten – es sei denn die Inflationsrate geht deutlich zurück. „Dann könnte die EZB die Zinsen sogar senken“, sagt Citigroup-Ökonom Michels. Diesen Spielraum hat sie beim gegenwärtigen Leitzins von 1,5 Prozent immerhin, im Gegensatz zu den USA, wo der Satz nahe Null liegt.

Doch selbst wenn all dies nicht oder nur zum Teil eintritt: Die Wende in Libyen hat dazu geführt, dass es an den Finanzmärkten nach drei Wochen Panik und Untergangsstimmung wieder etwas Hoffnung auf Besserung gibt. Vielleicht wird das Ende Gaddafis ja zum Auslöser einer Trendwende. Der Diktator hätte damit wenigstens einmal etwas Gutes für die Menschheit geleistet.

Quelle: welt.de
BildQuelle: Dpa

22.08.2011 - 20:14 - rave-on-nature-one